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Wo bist du, nachdem du uns verlassen hast?

Der kleine Prinz, der vor vielen Jahren den Dichter Saint Exupéry begleitete, rief diesem zum Abschied zu: „Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache.“

Diesen Zuspruch höre ich, wenn ich in den Himmel schaue in sternenklarer Nacht. Ich erahne dich dort in der Ferne geborgen. Hoffnung sinkt aus den ewigen Weiten herab in mein Herz.

Doch wenn mein Blick dann wieder zur Erde sinkt, sage ich mir: Dich in der Ferne zu sehen ist nur ein Wunschtraum meiner Trauer. Wie kindlich ist mein Blick zu den Sternen, dich erahnend, dich hörend durch die Tiefe der Nacht. Darf ich mich solchen Vorstellungen hingeben?

Du bist nicht mehr da! Wo bist du wirklich? Bei solchen Zweifeln und Fragen kommt mir eine Geschichte in den Sinn.

„Ich sehe den lieben Menschen, der von mir gegangen ist. Ich spüre ihn. Ich höre ihn. Ich spreche zu ihm. Doch darf ich mich solchen Tagträumen hingeben. Er ist doch nicht mehr da! Sollte ich mir nicht sagen: Träume nicht! Löse dich! Er ist fort für immer! Aber wo ist er und wie?“

Diese Fragen bewegen eine Trauernde. Man sagt ihr, es gebe einen Mönch, der die tiefen Fragen des Lebens beantworten könne wie niemand sonst. Doch dieser Mönch lebt in einem Kloster oben auf dem höchsten Berg eines fernen Landes. Ein beschwerlicher Pfad, den man nur zu Fuß erpilgern kann, führt zu ihm.

Doch die Sehnsucht in ihr, eine Antwort auf ihre Fragen nach dem Jenseits zu erhalten, ist stark. So überwindet sie die Entfernung und alle Hindernisse.

Sie steht schließlich vor dem Mann, den man Chrysostomos nennt, was Goldmund heißt.

„Ich sehe den geliebten Menschen“, erklärt sie ihm. „Ich sehe ihn in den Weiten des Alls, in den fallenden Blättern, in den Strahlen der Sonne. Ich höre ihn im Rauschen der Ähren, im Brausen der Wellen, im Lärm der Großstadt. Ist das seltsam? Darf ich so träumen? Und wenn nicht, wo ist er wirklich?“

Der Blick des Chrysostomos schweift über die Sammlung seiner Bücher.

Sie folgt seinem Blick. Sie sieht Geschichtsbücher und Bücher mit Geschichten, Weisheitsbücher, Sammlungen von Gebeten, Sprichwörtern und bedeutenden Reden. Sie spürt, dass ihm all diese Bücher vertraut sind. Sie will ihre Hand ausstrecken, um das entgegenzunehmen, das ihre Fragen stillt.

„Du fragst mich“, sagt Chrysostomos in die erwartungsvolle Stille, „doch ich bitte dich, schau zunächst in dich hinein. Gib erst selbst eine Antwort!“

„Den lieben Menschen so zu sehen, zu hören, zu fühlen ist so tröstlich“, sagt die Trauernde.

„Mehr noch?“, fragt der Mönch.

„So liebevoll“, fährt sie fort, „so beruhigend, so heilsam. Es ist gut und wahr. Ich spüre Hoffnung, doch …“

„Du hast die Antwort auf deine Fragen gefunden“, wirft der Mönch ein, den man Goldmund nennt.

„Aber das ist nur, was in mir ist! Ich frage dich in deiner Weisheit, ich frage nach endgültiger Wahrheit. Wo ist der Mensch, der uns verlassen musste? Was darf ich hoffen? Was darf ich träumen? Was muss ich glauben?“

Der Mönch blickt sanft auf die Trauernde. „Du fragst wieder mich. Doch du hast gesehen, dass die Wahrheit in dir wohnt. Wenn es um Fragen geht, die im Tiefsten bewegen, Fragen um Trauer sowie Liebe, um Sehnsucht, Hoffnung sowie den Schmerz der Seele, dann findet der Mensch Antworten nur in sich. Tut mir leid, dass du den weiten, beschwerlichen Weg auf dich nehmen musstest.“

„Schon gut“, verabschiedet sich die Trauernde. „Ich danke dir, der Weg war nicht zu weit. Es war ein bedeutender Weg. Es war der Weg zu mir! Ich habe gefunden, was ich suchte.“

Ich sehe dich nun gut und gern am Himmelszelt jenseits des Regenbogens, hinter dem Horizont, im Land des ewigen Friedens, wo kein Schmerz herrscht, keine Sorge, in den Weiten der Glückseligkeit.

Text: Frank Maibaum / Aus dem Buch:
"Ich ruf dir meine Liebe zu,
ein Dankeschön und ein Verzeih!"
:

Text: Frank Maibaum / Aus seinem Buch:

Liebe wird sein, Liebe, was sonst!

P. S.: Von Bertolt Brecht stammt der Ausspruch: "Von den neuen Antennen kamen die alten Dummheiten. Die Weisheit wurde von Mund zu Mund weitergegeben."

Vergleiche auch den Spruch:

"Oh Mutter, du weißt nicht, wie nötig ich dich habe; keine Weisheit, die auf Erden gelehrt werden kann, kann uns das geben, was ein Wort und ein Blick der Mutter uns gibt." (Wilhelm Raabe)

Ergänzen können Sie diese Geschichte im Rahmen einer Trauerfeier mit unsren Trostsprüchen und Trauersprüchen, die speziell zum Tod von Vater, Muter, Großvater und Großmutter passen.

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5) Eine stille Umarmung

6 Das Geheimnis des Todes

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So nutzt man die Geschichte im Trauerfall:

Diese Trauergeschichte / Trostgeschichte macht dankbar deutlich, dass man von den Eltern viel Lebensweisheit gelernt hat. Als "Trauerrede" kann ein Sohn oder eine Tochter diese Geschichte bei der Beerdigung der Mutter (oder des Vaters) lesen. Ebenso kann dieser Text einem Beileidschreiben zum Tod eines Elternteils beigelegt werden.

Vielfältig kann man eine solche Trostgeschichte benutzen. Man kann Sie in eine Trauerrede einbeziehen. Sie können eine solche Geschichte aber ebenso einem Beileidschreiben zum Tod einer Mutter beilegen.

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