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Der Pfarrer und Autor Frank Maibaum schrieb diese Trostgeschichte als Fortsetzung zum kleinen Prinzen des Antoine de Saint-Exupéry. Sie finden sie nicht im Buch "Der kleine Prinz" sondern in F. Maibaum, "Liebe wird sein, Liebe, was sonst!"

Auf das Herz hören

Der ewig kleine Prinz, der von seinem winzigen Planeten auf die Erde zurück gekommen war, um mehr über die Seele der Menschen zu erfahren, verweilte gern an Orten, an denen die Menschen inne hielten, an denen sie träumten oder auch trauerten, an denen sie nach Sinn suchten oder einfach nur Ruhe fanden - fernab von der Hektik ihres Alltags. Hier konnte er den Menschen sehr nahe kommen und nur hier erkannten sie ihn.

„Hier ist es so ruhig“, sagte er zu dem Mann, dem er nun schon an mehreren Tagen auf dem Friedhof begegnet war. Bedrückt wirkend war dieser die Friedhofswege gegangen. Der Prinz wollte erfahren, was diesen Menschen bewegt, also gesellte er sich an seine Seite.

„Ja“, sagte der Mann.

„So friedvoll“, sagte der kleine Prinz.

„Ja“, sagte der Mann.

Er blieb an der Seite des Mannes auf dem Weg entlang der Gräber.

„Hier findet ihr Menschen Frieden“, ergänzte der kleine Prinz nach einigen Augenblicken, in denen nur das zweimalige Schlagen einer fernen Turmuhr zu vernehmen war.

Er blieb an der Seite des Mannes.

„Darum nennt ihr es Friedhof“, fuhr er nach einem Stück des Weges fort, „weil hier Friede herrscht“.

„Nein“, sagte der Mann.

"Nein?", fragte der Prinz.

„Das Wort Friedhof kommt vom alten deutschen Wort einfrieden, eine heute kaum noch gebräuchliche Bezeichnung für einzäunen. Friedhof heißt dieser Ort, weil er durch eine Mauer, einen Zaun oder eine Hecke umrandet ist. Das Wort Friedhof hat mit den Worten Frieden oder friedvoll wenig zu tun.“

„Ach“, sagte der kleine Prinz.

Sie gingen schweigend.

"Doch Frieden finden die Menschen hier", nahm der kleine Prinz das Gespräch wieder auf, "die Verstorbenen – er blickte auf die Gräber, und die Lebenden – er erfasste den traurigen Blick des Mannes.

„Ich kann den Frieden nicht finden“, sagte der Mann.

Es gab so viele Wege hier zwischen den Gräbern. Von irgendwoher drang das Gebet einer Trauergemeinde. Doch bei den Beiden war nur das gleichmäßige Rascheln der Blätter und das Zwitschern weniger Vögel.

„Leicht lässt sich der Friede nicht zu finden“, sagte der Prinz, „auch hier nicht.“

„Bevor sie starb“, sagte der Mann, „bevor sie für immer ging, sah ich in ihren Augen die Sehnsucht, die Sehnsucht nach Versöhnung, die Sehnsucht bedingungslos geliebt zu werden, die Sehnsucht, zum Abschied umarmt zu werden.“

Der Wind rauschte in den Bäumen. Die ferne Turmuhr schlug zweimal.

„Ich habe nur dagestanden,“ fuhr der Mann fort, „ich habe mich nicht gerührt.“

„Du hast die Sehnsucht gespürt“, sagte der Prinz.

„Oh ja, das habe ich, und wie ich sie spürte, sie füllte den Raum. Es gab nicht anderes in diesem Augenblick. Ich stand nur da und dann ließ ich sie mit dieser Sehnsucht allein. Doch ihr Blick ist noch da und schaut mich an, bei Tag und Nacht. Es ist zu spät. Dort drüben liegt sie nun im Grab. Es ist zu spät.“

„Manchmal ist es zu spät für das, was wir versäumen“, sagte der kleine Prinz, „Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.“

„Ich hatte zu wenig Erfahrung im Umgang mit Sterbenden. Ich hätte frühzeitig etwas darüber lesen sollen“, sagte der Mann.

„Und dein Herz?“, fragte der der Prinz.

„Mein Herz spürte die Sehnsucht“, sagte der Mann. „Aber ich hatte zu wenig Erfahrung!“

„Zu wenig Erfahrung“, wiederholte der kleine Prinz leise. 'Zu wenig Erfahrung mit dem Herzen, seltsam“, dachte er, 'ein Leben lang, schlägt das Herz der Menschen, schon im Mutterleib, vom ersten Augenblick ihres Seins bis zur letzten Sekunde. Das Herz ist ihr Mittelpunkt, es ist ihr Leben; aber sie haben zu wenig Erfahrung mit ihrem Herzen. Manchmal leidet es, manchmal schreit es auf, doch sie hören ihr Herz nicht. Wenn sie es hören, lassen sie sich nicht davon bewegen, als wären sie starr, gar nicht lebendig. So verpassen sie die bedeutendsten Augenblicke ihres Lebens, die Menschen', dachte der ewig kleine Prinz.

Die ferne Kirchturmuhr schlug zweimal.

„Wenn ich noch einmal die Gelegenheit hätte“, sagte der Mann.

„Zurückdrehen lässt sich die Zeit nicht, sie schreitet vorwärts“, sagte der kleine Prinz. „Ich glaube, wenn ein Mensch auf sein Herz hört, wird die Vergangenheit ihn nicht würgen; sie wird sich mit ihm versöhnen und ihn auf neuen Wegen in die Zukunft tragen.“

Der kleine Prinz musste weiter, um noch viele Menschen kennenzulernen, um mehr zu erfahren über Liebe und Leid, über Sehnsüchte und Hoffnungen, über alles, was die Menschen tief im Herzen bewegt. Er blickte noch einmal zurück, sah den Mann ans Grab treten, hörte ihn sprechen:

„Über die Grenze von Leben und Tod hinweg schließe ich dich in die Arme, bedingungslos. Ich halte dich! Wenn es etwas zu vergeben gibt, so vergebe ich. Wenn du noch etwas sagen möchtest, so höre ich dich, ich drücke dich – über die Grenze von Leben und Tod.“

Die ferne Turmuhr schlug dreimal.

Text: Frank Maibaum / Aus seinem Buch:

Liebe wird sein, Liebe, was sonst!

 

Mehr mit dem ewig kleinen Prinz:

1) Lebendige Liebe bleibt

2) Wie könnte ich dich vergessen

3) Für immer im Herzen

4) Glaube - weniger nicht

5) Auf das Herz hören

6) Doch der Dank bleibt

7) Trauer geht ihren Weg

8) Mit den Augen der Liebe

 

Noch mehr Weisheitsgeschichten und Trostgeschichten:

Die alte, weise Frau erzählt

Andere Geschichten zu Trost und Trauer

 

Im Kapitel "Sprüche" finden Sie Texte und Sprüche zu Abschied und Trauer aus "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint Exupéry gesammelt.